Die Liebe

 

aus:

 

Geborgen im Leben

 

von

 

Elisabeth Kübler-Ross

 

Die Liebe, die uns zu beschreiben so schwer fällt, ist die einzige wirkliche und bleibende Erfahrung unseres Lebens. Sie ist das Gegenteil von Angst, der Kern von Beziehungen, das Wesen der Kreativität, die Gnade der Macht - ein komplexer Teil dessen, was wir sind. Sie ist die Quelle der Glückseligkeit, die Energie, die uns verbindet und die in uns lebt.

 

 

 

Liebe hat nichts zu tun mit Wissen, Bildung oder Macht; sie ist jenseits der Verhaltensweisen. Sie ist zudem das einzige Geschenk im Leben, das man nicht verlieren kann. Letztlich ist sie das Einzige, das wir einem anderen wahrhaft geben können. In einer Welt der Illusionen, einer Welt der Träume und der Leere ist die Liebe die Quelle der Wahrheit.

 

 

 

Trotz all ihrer Macht und Größe ist sie jedoch schwer zu fassen. Manche verbringen ein ganzes Leben damit, die Liebe zu suchen. Wir fürchten, dass wir ihrer nie habhaft werden, dass wir sie, wenn wir sie finden, wieder verlieren oder als eine Gegebenheit betrachten werden, und fürchten, dass sie nicht dauern wird. 

 

 

 

Wir denken, wir wüssten, wie die Liebe aussieht, da wir uns in der Kindheit ein Bild von ihr gemacht haben. Das gewöhnlichste Bild ist das romantische Ideal: Wenn wir diesem wir diesem besonderen Menschen begegnen, werden wir uns plötzlich als ein Ganzes fühlen, alles wird wunderbar, und wir werden hinfort in Glückseligkeit leben. Natürlich bricht es uns das Herz, wenn wir im wirklichen Leben einige nicht so romantische Einzelheiten hinzufügen müssen, wenn wir herausfinden, das der Großteil der Liebe, die wir geben und empfangen, bedingt sind. Sogar die Liebe zu und von unseren Angehörigen und Freunden beruht auf Erwartungen und Bedingungen. Diese Einzelheiten des wirklichen Lebens reihen sich zu einem Faden, der einen Alptraum hervorruft. Wir befinden uns in lieblosen Freundschaften und Beziehungen. Aus unseren romantischen Illusionen erwachen wir in einer Welt, der die Liebe fehlt, auf die wir als Kinder gehofft hatten. Nun betrachten wir die Liebe aus dem Blickwinkel des Erwachsenen und sehen alles klar, realistisch und verbittert.

 

 

 

Glücklicherweise ist wahre Liebe möglich, wir können die Liebe fühlen, auf die wir gehofft hatten. Sie existiert, aber nicht in unserer Auffassung von Liebe. Sie lebt nicht im Traum, dass wir einen vollkommenen ~Partner oder besten Freund~ finden werden. Die Ganzheit, die wir suchen, ist hier, mit und in uns, jetzt, in der Wirklichkeit. Wir müssen uns das nur klar machen. Die meisten von uns ersehnen die bedingungslose Liebe, eine Liebe die sich auf das gründet, was wir sind, nicht auf das, was wir tun oder nicht tun. Wenn wir Glück haben, haben wir in unserem Leben einige Minuten davon erfahren. Es ist traurig, das der grossteil der Liebe, die wir in diesem Leben erfahren, sehr bedingt ist. Wir werden geliebt um der Dinge willen, die wir für andere tun, wie viel wir verdienen, wie lustig wir sind, wie wir unsere Kinder behandeln oder unseren Haushalt führen und so fort. Es fällt uns schwer, die Menschen so zu lieben, wie sie sind. Es ist beinahe so, als würden wir uns nach einem Vorwand umschauen, um andere nicht zu lieben.

 

 

 

Wir können nur Frieden und Glück in der Liebe finden, wenn wir die Bedingungen loslassen, die wir an unsere Liebe zu einander knüpfen. Und wir stellen gewöhnlich denjenigen die härtesten Bedingungen, die wir am meisten lieben. Die Liebe zu Konditionen hat man uns eingetrichtert, wir wurden buchstäblich darauf konditioniert, und es ist ein schwieriger Prozess, das zu verlernen. Als menschliche Wesen ist es uns nicht möglich zu einer vollkommen bedingungslosen Liebe zu einander zu finden, aber wir können mehr haben als die paar Minuten, die wir normalerweise in einem ganzen Leben bekommen.

 

 

 

Zu den wenigen Menschen, bei denen wir bedingungslose Liebe finden können, zählen die Kinder, wenn sie noch sehr klein sind. Unser Tagesablauf, unser Geld, unsere Leistungen sind ihnen gleichgültig. Sie lieben uns einfach. Mit der Zeit bringen wir ihnen bei, Bedingungen für ihre Liebe zu stellen, wenn wir sie dafür belohnen, das sie lächeln, gute Noten heimbringen und so sind wie wir sie haben wollen. Aber wir können noch immer viel von der Art und Weise lernen, wie Kinder uns lieben. Wenn wir unsere Kinder nur ein wenig länger und bedingungsloser lieben würden, könnten wir eine ganz andere Lebenswelt schaffen. Liebe zu Bedingungen belastet unsere Beziehungen. Wenn wir diese Bedingungen loslassen, können wir Liebe auf vielen Wegen finden, die wir nie für möglich gehalten hätten.

 

 

 

Eines der größten Hindernisse für bedingungslose Liebe ist die Angst, dass unsere Liebe vielleicht nicht erwidert wird. Wir begreifen nicht, dass das Gefühl, das wir suchen, im geben liegt und nicht im empfangen. Wenn wir die empfangen Liebe messen, werden wir uns nie geliebt fühlen. Stattdessen empfinden wir uns als zu kurz gekommen. Nicht weil das wirklich so ist, sondern weil der Akt des messens kein Akt der Liebe ist. Wenn sie sich ungeliebt fühlen, dann nicht deshalb, weil sie keine Liebe bekommen, sondern weil sie selbst Liebe vorenthalten. Wenn sie mit geliebten Menschen streiten, glauben sie, dass sie sich wegen etwas aufregen, dass diese getan oder nicht getan haben. In Wahrheit regen sie sich auf, weil sie ihr Herz verschlossen, ihre Liebe entzogen haben. Und es wäre nie die die richtige Antwort, die Liebe vorzuenthalten, bis die anderen sich gebessert haben. Was geschieht, wenn diese das nicht tun, wenn sie es nie tun? Werden sie dann ihrer Mutter, ihren Freund, ihren Bruder nie mehr lieben? Doch wenn sie lieben, trotz der Dinge, die sie getan haben, werden sie Veränderungen bemerken, sie werden die ganze entfesselte Kraft des Universums sehen können. Sie werden sehen, wie ihre Herzen schmelzen und sich öffnen.

 

 

 

In uns allen stecken Träume von Liebe, Leben und Abenteuer. Aber traurigerweise sind wir alle voll von Gründen, warum wir nicht versuchen, sie zu verwirklichen. Diese Gründe wollen uns scheinbar beschützen, aber in Wahrheit halten sie uns in einem Gefängnis fest. Sie halten das Leben auf Distanz. Das Leben ist schneller vorüber als wir denken. Wenn wir Fahrräder haben auf denen wir fahren, und Menschen, die wir lieben können, sollten wir das jetzt tun.

 

 

 

Als ich mir die Lektion der Liebe durch den Kopf gehen ließ, dachte ich an mich selbst und mein eigenes Leben. Wie alle Menschen, mit denen ich je gearbeitet habe, muß ich lernen, mich selbst mehr zu lieben. In meinem persönlichen Leben sowie durch meine Arbeit all die Jahre hindurch empfand ich, das mir viel Liebe von anderen Menschen geschenkt wurde. Es wäre anzunehmen, daß man, wenn man von so vielen geliebt wird, sich selbst lieben könnte. Aber dies ist nicht immer der Fall. Für die meisten von uns gilt das wohl nicht. Ich habe es im Leben und Sterben von hunderten von Menschen erfahren, und jetzt erfahre ich es auch an mir selbst. Wenn Liebe überhaupt kommt, muß sie von innen kommen. Und soweit bin ich noch nicht.

 

 

 

Uns selbst lieben heißt, die Liebe zu empfangen, die immer um uns herum ist. Uns selbst lieben heißt, alle Barrieren abzubauen. Es ist schwer, die Barrieren zu sehen, die wir um uns errichten, aber sie sind da, und sie spielen in alle unsere Beziehungen hinein. Wenn wir Gott begegnen, wird er uns fragen; Hast du dir selbst und anderen Liebe geschenkt und empfangen? Wir können lernen, uns selbst zu lieben, indem wir anderen erlauben, uns zu lieben. Gott hat uns unbegrenzte Möglichkeiten gegeben, zu lieben und geliebt zu werden. Sie umgeben uns überall, wir brauchen sie nur zu ergreifen.

 

 

 

Die Liebe ist immer in unserem Leben, in allen wunderbaren Erfahrungen, und selbst in unseren Tragödien. Es ist die Liebe, die unseren Tagen die tiefe Bedeutung verleiht; sie ist es, aus der wir wahrhaft gemacht sind. Wie immer wir es nennen, Liebe, Gott, Seele, die Liebe lebt in uns allen spürbar und lebendig. Liebe ist unsere Erfahrung des Göttlichen, des Heiligen, Liebe ist die Fülle, die überall um uns west. Wir brauchen sie nur zu ergreifen.